Identification

Erster Traum

Während meiner ersten Nacht in Wales hatte ich einen Traum. Ich war in einem geräumigen, kalten, feuchten und zugigen Saal, der vom Schein einiger flackernder Pechfackeln gering beleuchtet wurde. Ich saß an einem riesigen kreisförmigen Tisch. Ringsherum saßen ungefähr zwanzig Ritter in Kettenhemden, und mitten unter ihnen, gerade mir gegenüber, ein altersgrauer König mit gnädiger Miene, nahe bei einer hübschen Königin mit glänzenden Augen. Artus und die Ritter der Tafelrunde - und die verwirrende Guinevere!

„Liebe Gefährten,“ verkündete Artus, „ich möchte nun unseren Gast vorstellen: Der berühmte und tapfere Ritter von den verbogenen Löffeln, der aus dem abgelegenen Languedoc angekommen ist, um unseren Hof zu besuchen. Sehr geehrter Herr, erzählen Sie bitte einige von Ihren Heldentaten, zu unserer Freude, Bewunderung und Aufklärung!“

Als sich alle Blicke auf mich richteten, schlug ich betreten die Augen nieder, und ich wurde sogleich gewahr, dass ich gerade an zwei alten verbogenen Löffeln unruhig herumfummelte! Der Anblick dieser inkongruenten Gegenstände in meinen Händen stellte seltsamerweise mein Selbstbewußtsein wieder her. Ich hob mein Haupt empor, und sprach:

„O einstiger und zukünftiger König! O erhabene, wunderschöne, überwältigende Königin! O hochsinnige Ritter, deren Ruhm bis ans Ende der Welt reicht! Schenken Sie bitte meiner Erzählung Gehör!

Eines schönen Morgens im Frühjahr verließ ich meine Burg von Torte Culhèr del Clapàs auf der Suche nach irgendeinem Unrecht, um es wieder gutzumachen. Auf dem Weg bemerkte ich einen Straßenhändler, der eine feierliche Ansprache über gebrauchte Küchengeräte an mehrere Dörfler hielt:

»Meine Damen und Herren!
Wie Sie sehen, sind das zwar keine nagelneuen Löffel,
aber das sind auch nicht irgendwelche alten verbogenen Löffel.
Diese Löffel haben wahrlich ihre eigene Geschichte:
Sie gehörten einem großen Zauberer,
der die Kraft hatte, das Metall durch rein mentale Stärke zu biegen.
Also, durch rein mentale Stärke können sie ja dieselben Löffel,
dank der Kraft des kosmischen Vertrauens, gerade biegen!

Nur für 10 Groschen.
Mit unserer speziellen Garantie: Zufrieden – oder nie zurück!«

Trotz solcher Redekunst blieben die Zuhörer unbeeindruckt, und nach und nach zerstreuten sie sich. Aber die Löffel hatten mich hingegen neugierig gemacht, so dass ich sie schließlich kaufte. Nachdem ich bezahlt hatte, fragte mich der Verkäufer mit schnurrender Stimme: »Edler Rittersmann, vielleicht brauchst du auch Schwert und Schild, um die Gefahren des Weges zu überwinden?« Erst da bemerkte ich, dass der Kaufmann eigentlich eine Katze war. »Nein, vielen Dank!« antwortete ich, »Dafür sollten die Löffel voll und ganz genügen, dank der Kraft des kosmischen Vertrauens.« Mit einem rätselhaften Lächeln begann die Katze allmählich zu verschwinden. Das Grinsen fügte diese geheimnisvollen Worte hinzu:

»In Sachsen wirst du der Elster weiß nachjagen
Bis sie dich zu Falle bringt.
Die Seele von einem gebefreudigen Mädchen
Aus den Klauen eines besitzergreifenden Ritters
Darfst du dann befreien.«

Ich hätte gern die Grinse-Katze um einige Aufschlüsse gebeten, wenn auch nur um ein Bild von dem gebefreudigen Mädchen, aber nun war sie schon ganz verschwunden. Dann versuchte ich ein paar Mal, die Löffel durch rein mentale Stärke gerade zu biegen. Endlich beschloß ich, dass die Kraft des kosmischen Vertrauens momentan viel beschäftigt sein mußte, und dass es klüger wäre, das magische Potential der Löffel für einen echten Notfall zu sparen. Mit ihnen konnte ich ja derweil ein bisschen Weisheit fressen.

Daraufhin zog ich nach Nordosten durch manche unbekannte Länder. Ich trotzte den fürchterlichen Krokodilen der Stadt Nîmes, und, auf Anraten von einem weisen Wisent, schlug einen Bergpfad ein, um den saisonalen Ritterstau in dem Rhône-Tal auszuweichen. Weiter überquerte ich den mächtigen Rhein in einem Weinfass, mit den Löffeln als Paddeln. Dann tappte ich quer durch einen ganz schwarzen Wald hindurch, dessen erschreckenden Untieren ich leider nicht entgegentreten konnte, allein schon wegen derselben unerforschlichen Finsternis, die sie vor meinen Löffeln verbarg.

Nach manch einem Zwischenfall gelangte ich endlich in das Land der Sachsen. Am Zusammenfluß dreier Bäche traf ich einen Musikanten, dessen Finger und Zehen auf den verschiedensten Klaviaturen des skurrilsten Instruments in der Welt wahnsinnig schnell liefen, und mit vielen gleichzeitigen doch unterschiedlichen Gesängen aus Pfeifen und Leitungen aller Art angestimmt ein verrücktes musikalisches Netz woben, wo der gefangene und verhexte Geist grausamere Qualen erduldete, als das Kopfzerbrechen eines sehr schwierigen arithmetischen Problems - oder eines entsetzlich komplizierten Schachtelsatzes. Mit den Löffeln verstopfte ich ganz einfach meine Ohren und entfloh so der höllischen Musik.

Außer Hörweite saß ich am Flußufer, und, von dem lustigen, melodischen Bach-Geplätscher eingelullt, schlummerte ich bald ein.“

In diesem Moment schrillte mein Handywecker, und ich wachte auf.